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Studie zeigt: Opfer werden zuwenig ernst genommen

Viele der Opfer fühlen sich, wenn sie die Polizei gerufen haben, von den Beamten nicht ernst genommen. Oft werden sie selbst als Täter behandelt. Das sind Ergebnisse einer Untersuchung der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Auftrag der „Beratung für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen“ (ezra), die am Montag in Erfurt vorgestellt wurde.

Die Ergebnisse zeigten, dass die zu Hilfe gerufene Polizei meist schnell kommt. Aber ein großer Teil der Polizeibeamten zeigt keine angemessene Sensibilität gegenüber den Opfern dieser Gewalttaten. Fast zwei Drittel der Betroffenen hat den Eindruck, dass sie an einer Aufklärung der politischen Motive der Täter nicht interessiert sind. In einem Drittel der Fälle wird den Opfern vorgeworfen, selbst Schuld an der Eskalation der Gewalt zu tragen, ein Fünftel gab sogar an, sich so behandelt zu fühlen, als seien sie die eigentlichen Täter. Nur in wenigen Fällen würden die Beamten die Gewaltopfer über alle ihnen zustehende Ansprüche und Rechte informieren. Auch der Hinweis auf die spezielle Opferberatung von ezra wird selten gegeben.

„Die Studie zeigt deutlich, dass eine akute Gefahr der ‚sekundären Viktimisierung‘, also eine zweite Opferwerdung nach der eigentlichen Tat, für Betroffene rechter Gewalt durch das Verhalten der Polizei besteht. Diese Diskriminierung ist in einer Demokratie deshalb so skandalös, weil die Demokratie ja die Gleichbehandlung der Menschen garantieren soll." Matthias Quent und Dr. Daniel Geschke, Wissenschaftler an der FSU Jena sind Autoren der Studie. Mit Interviews und standardisierten Telefonbefragungen von 44 Gewaltopfern, die zwischen 2010 bis 2013 von ezra betreut wurden, konnten sie diese Ergebnisse herausarbeiten. Deutlich wird damit, dass es nicht nur um Einzelfälle geht, in denen von polizeilichem Fehlverhalten gesprochen werden kann.

Knapp ein Drittel der Befragten gab an, von häufigen Polizeikontrollen wegen ihrer Herkunft betroffen zu sein. Dieses "Racial Profiling", das Handeln aufgrund allgemeiner Kriterien wie Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Religion und nationaler Herkunft einer Person, ohne dass ein Verdacht auf Straftaten vorliegt, diskriminiert sie im Alltag.

Sozialministerin Heike Taubert (SPD) räumte im Vorwort der Studie ein, dass es "noch an vielen Stellen Verbesserungsbedarf" gebe.  Und Prof. Dr. Thomas Ley, Leiter der Stabsstelle Polizeiliche Extremismusprävention in der Thüringer Landespolizeidirektion, sagte in der Diskussion: "Jeder Einzelfall, jeder einzelne Fall hat Anspruch auf eine Behandlung durch die Polizei, in der er ernstgenommen wird."

An der Podiumsdiskussion, die von Prof. Dr. Michael Haspel von der Evangelischen Akademie moderiert wurde, waren weiter beteiligt: Biplab Basu von der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt Berlin, die eine vergleichbare Opferarbeit macht, der „ezra“-Berater Robert Friedrich ()) Tamer Düzyol von der studentische Initiative „Antira Campus Erfurt“ und  Birgit Pelke, Landtagsabgeordnete der SPD und Mitglied im Thüringer "NSU-Untersuchungsausschuss". Sie beklagte aufgrund der Erfahrungen im NSU-Untersuchungsausschuss "das kollektive Vergessen oder sich nicht erinnern wollen von Polizeibeamten. Ich erwarte emanzipierte Polizeibeamte, die auch mal einen Kollegen auf solche Fehler ansprechen." Robert Friedrich wies darauf hin, dass das Problem der Geringachtung von Opfern von rechtsextremer und rassistischer Gewalt ein Problem der gesamten Gesellschaft ist. „Aber bei einer staatlichen Institution, auf die ich angewiesen bin und die ich mir nicht aussuchen kann, darf das nicht vorkommen." Auf die abschließende Frage des Moderators: "Was nehmen sie von der heutigen Podiumsdiskussion mit?" erwartete er  "zeitnahe Konsequenzen, die wir in unserer Arbeit mit den Opfern merken". Prof. Ley versprach: "Ich nehme die Studie mit und werde dafür sorgen, dass die Ergebnisse in die Bildungsarbeit der Polizei einfließen."

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland ist Träger der Beratungsinitiative, die vom Bund und vom Thüringer Sozialministerium finanziert wird. Oberkirchenrätin Martina Klein hatte ebenso wie die Referatsleiterin im Thüringer Sozialministerium, Frau Angela Lorenz, auf die wichtige und gute Arbeit von ezra hingewiesen und den Mitarbeitenden gedankt.  

Matthias Sengewald

Hier finden Sie die komplette Studie zum Initiates file downloadDownload (PDF 2 MB)


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